SKS Ausgabe 2.2025

26 27 STEINKERAMIKSANITAER.DE II. Quartal 2025 STEINKERAMIKSANITAER.DE II. Quartal 2025 DesignundTrends DesignundTrends Dabei geht es nicht nur um Größe per se, sondern um die Balance zwischen Fläche, Struktur und dem Zusammenspiel mit kleineren Formaten. So kann ich als Architekt flexibel arbeiten und verschiedene Raumwirkungen erzeugen, ohne den Charakter des Materials zu verlieren. Die keramische Fliese tut sich trotz unstrittiger Materialvorteile seit jeher schwer im Wettbewerb mit anderen Belagsbaustoffen, LVT ist nur einer davon. Glauben Sie, dass das Konzept der von Ihnen entwickelten Kollektion neue Impulse für das Gestalten mit Keramikfliesen setzen kann? Mit welchen Argumenten? Absolut. „Solid Ground“ setzt auf echte Flexibilität und Gestaltungsfreiheit etwas, was in der Keramikbranche oft fehlt. Die Möglichkeit, verschiedene Formate, Farben und Oberflächen modular zu kombinieren, gibt Planern neue kreative Werkzeuge an die Hand. Zudem verbindet die Kollektion Natürlichkeit mit technischer Qualität, was sie sowohl ästhetisch als auch funktional attraktiv macht. So lassen sich Räume gestalten, die authentisch und langlebig sind. Das sind starke Argumente gegenüber konkurrierenden Belagsmaterialien. Mit der für diese Fliesen angebotenen Oberflächen-Veredelung („hytect“) und der Rutschhemmung R10/A+B erfüllt Solid Ground auch besondere funktionale Anforderungen. Wie wichtig war Ihnen die Verbindung von Ästhetik und Funktionalität in diesem Projekt? Und grundsätzlich gefragt: Darf bei Design-Produkten die Funktionalität wie eben in diesem Fall das Sicherheitsmerkmal Rutschhemmung erkennbar sein? Für mich ist die Verbindung von Ästhetik und Funktionalität essenziell. Design darf niemals nur dekorativ sein, sondern muss den Alltag mitdenken. Bei „Solid Ground“ war es deshalb selbstverständlich, dass die Oberflächen mit „Hytect“ veredelt sind – das sorgt für Hygiene und leichte Reinigung – und dass die Rutschhemmung den sicheren Einsatz im Raum garantiert. Funktionalität sollte nicht versteckt, sondern integriert und spürbar sein. Das erhöht die Nutzerfreundlichkeit und schafft Vertrauen in das Produkt, ohne die gestalterische Qualität zu beeinträchtigen. „Solid Ground“ ist nicht das erste Produktsystem, das Sie für diesen Fliesenhersteller entwickelt haben. Was unterscheidet dessen Zielsetzung zum Beispiel von der der Systeme „ChromaPlural“ (2015) oder „Area pro“ (2020)? Gibt es eine gestalterische Verbindung dieser drei unterschiedlichen Systeme? Unsere Zusammenarbeit mit Agrob Buchtal besteht nun seit über zehn Jahren. Bislang lag unser Fokus auf dem Kommunikationsdesign, insbesondere auf der Architektenansprache. Wir haben unter anderem das Corporate Design der Folder mitentwickelt, Webkonzepte begleitet und an der strategischen Gestaltung von Typologien und Systematiken mitgewirkt. Auch bei Kollektionen wie „ChromaPlural“ oder „Area pro“ lag unser Beitrag im konzeptionellen und visuellen Rahmen der Architektenansprache, nicht im Produktdesign selbst. Mit „Solid Ground“ gehen wir nun erstmals einen Schritt weiter: Es ist die erste Kollektion, die wir gestalterisch selbst als modulares Baukastensystem entwickelt haben, das auf die realen Anforderungen des Marktes reagiert und zugleich mit dem bestehenden System von Agrob Buchtal harmoniert. Diese Kollektion markiert für uns einen Beginn. Sie wurde bewusst umfassend angelegt, mit dem Ziel, erweiterbar zu sein und langfristig kreative wie funktionale Spielräume für Architekturprojekte zu eröffnen. Agrob Buchtal verfolgt mit der „Road to Net Zero“ eine klimaneutrale Produktion. Welche Rolle spielte dieser Aspekt der Nachhaltigkeit in Ihrer Zusammenarbeit bei dieser Entwicklung? Immerhin ist der hohe Energieeinsatz die „Achilles-Ferse“ der Keramikproduktion. Nachhaltigkeit war von Anfang an ein integraler Bestandteil unserer Zusammenarbeit. Zwar ist Keramikproduktion energieintensiv, doch Agrob Buchtal geht mit der „Road to Net Zero“ einen klaren Weg, um den CO2-Fußabdruck drastisch zu reduzieren. Für mich war es wichtig, dass „Solid Ground“ nicht nur optisch und funktional überzeugt, sondern auch in einem nachhaltigen Produktionsprozess entsteht. Dieses Bewusstsein spiegelt sich in der Wahl der Materialien, der langlebigen Qualität und der Modularität der Kollektion wider, die auf ressourcenschonendes Bauen abzielt. Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für Sie und wie setzen Sie diese im Zusammenhang mit der Kollektion „Solid Ground“ um? Designing Beauty, Sustaining the Earth, dieser Satz ist für uns weit mehr als ein Ausstellungstitel (Anm. der Redaktion: siehe dazu auch den Beitrage auf der nächsten Seite). Er steht für ein ganzheitliches Denken, das wir in unserer täglichen Praxis der Architektur und des Designs leben. Nachhaltigkeit beginnt bei uns nicht mit der technischen Umsetzung, sondern mit einer gestalterischen Haltung. Wir begreifen Materialien als Träger von Verantwortung – ökologisch, kulturell, gesellschaftlich. In unserer Arbeit suchen wir nach Lösungen, die dauerhaft tragfähig sind: gestalterisch, funktional und ressourcenschonend. Das bedeutet, flexibel nutzbare Systeme zu entwickeln, langlebige Materialien zu wählen, Prozesse zu hinterfragen – und dabei immer auch neue Wege zu denken. Wird es ein Projekt geben, dass Sie mit „Ihrer“ Kollektion gestalten und in dem Sie das umsetzen, was die Grundlage der Systematik von „Solid Ground“ ist? Ähnlich, wie Sie es einst für den Sanitärhersteller Axor im Rahmen dessen Kampagne „Distinctive“ umgesetzt haben. Ja, ich freue mich sehr darauf, „Solid Ground“ in zukünftigen Projekten einzusetzen. Die Kollektion bietet ein flexibles System, das sich hervorragend für vielseitige Raumkonzepte eignet, von privaten Wohnräumen bis zu öffentlichen Gebäuden. Wie bei „Distinctive“ ist es auch hier mein Ziel, die gestalterische Systematik der Kollektion zu nutzen, um Räume mit Charakter und Identität zu schaffen. Die modulare Kombinierbarkeit erlaubt es, individuelle Akzente zu setzen und dabei eine stimmige Gesamtwirkung zu erzielen. Die Ausstellung „Designing Beauty, Sustaining the Earth“ (Budapester Salon Berlin) präsentierte drei Serien von Hadi Teherani, um den ganzheitlichen Anspruch an Nachhaltigkeit auf Designebene mit konkreten, innovativen Beispielen sichtbar zu machen: – Der 3D-gedruckte Hocker W3D aus biobasiertem Kunststoff steht für lokale, dezentrale Fertigung mit ökologischer Materialbasis. – Mirage Nagomie, eine Fliesenkollektion mit recyceltem Glasanteil, zeigt, wie sich Kreislaufwirtschaft in keramischen Werkstoffen realisieren lässt. Parallel dazu verwirklicht Hadi Teherani diese Haltung auch in architektonischen Projekten. Drei aktuelle Beispiele verdeutlichen diesen Anspruch besonders gut: — „Atmosphere by Krallerhof“ (oben: Objektfotos) ist ein Refugium inmitten der alpinen Landschaft, gebaut mit einem hohen Maß an Bewusstsein für Ort, Material und Energie. Die Architektur geht in Resonanz mit ihrer Umgebung, nutzt lokale Ressourcen und schafft so ein harmonisches Gleichgewicht von Stille und Weite. — Der „Innovationsbogen Augsburg“ ist ein zukunftsweisendes Bürogebäude mit begrüntem Dach und Solaranlage. Die Fassade besteht aus 100 Prozent recyceltem Aluminium und bietet durch seine flexible Struktur langfristige Nutzungsperspektiven. — „Mercator One“ in Duisburg verbindet urbanes Statement und nachhaltige Bauweise. Auch hier wurde eine Fassade aus recyceltem Aluminium realisiert. Das Gebäude wurde als wandelbare Struktur konzipiert, die sich an die Dynamiken des Ortes und der Zeit anpassen kann – ein Plädoyer für langlebige und resiliente Architektur. Mit all diesen Projekten und Produkten soll das zentrales Anliegen, Schönheit und Verantwortung zu vereinen, verwirklicht werden. Nachhaltigkeit ist für Teherani kein Add-on, sondern integraler Bestandteil der Gestaltung. Nur wenn Ethik und Ästhetik zusammen gedacht werden, entsteht eine Architektur, die wirklich Zukunft hat. Die Welt der Architektur befindet sich im tiefgreifenden Umbruch – denn das Bauen zählt zu den größten Verursachern von Umweltbelastungen weltweit: Mit etwa 40 Prozent des CO2-Ausstoßes und 60 Prozent des Müllaufkommens stellt die Bauwirtschaft eine immense Herausforderung für unsere Umwelt dar. Angesichts dieser Dimension reicht es nicht mehr aus, nachhaltiges Handeln zu fordern oder kurzfristig mit schneller und kostengünstiger Bauweise auf Wohnungsnot zu reagieren. Vielmehr muss moderne Architektur dauerhaft Wohn- und Lebensqualität schaffen, die weit über den Moment hinaus Bestand hat. Nur Bauwerke, die Schönheit, Funktionalität und nachhaltige Innovationen miteinander verbinden, verdienen ein langes Bleiberecht und verhindern so Ressourcenverschwendung durch vorschnellen Abriss. Die Herausforderung liegt darin, technische Errungenschaften mit der emotionalen und räumlichen Qualität von Lebensräumen zu verknüpfen, denn Architektur lebt von der dritten Dimension, von Atmosphäre und menschlicher Wahrnehmung. Nur so kann sie den strengen Zukunftstest bestehen und ein Vorbild für nachhaltiges, lebenswertes Bauen werden. Hadi Teherani wurde 1954 in Teheran geboren. Aufgewachsen ist der Architekt und Designer allerdings in Hamburg, wo er auch heute mit seinem Büro für Architektur und Produktdesign vertreten ist. Er studierte von 1977 bis 1984 Architektur an der Technischen Universität Braunschweig. Von 1989 bis 1991 war er an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre, Prof. Volkwin Marg, tätig. 1991 gründete Teherani zusammen mit Jens Bothe und Kai Richter das Architekturbüro BRT Architekten in Hamburg. 2012 übernahm er die Geschäftsanteile an BRT von Bothe und Richter. Hadi Teherani arbeitet nicht nur als Architekt, sondern auch im Bereich des Produkt- und Interior-Design. Nicht allein der leere, architektonische Raum ist sein Ziel, sondern der atmosphärisch stimmige, bis in alle Einrichtungsdetails harmonisch gestaltete, sinnlich erlebbare Raum Info Funktionalität sollte nicht versteckt, sondern integriert und spürbar sein. Es ist die erste Kollektion, die wir gestalterisch selbst als modulares Baukastensystem entwickelt haben. Statement zur aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte Statement zur aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte Fotos: Hadi Teherani Design GmbH ý ý Mehr Informationen und Adressen im Register ab Seite 44

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