Renovieren und Sanieren als Fliesen-Hoffnungsträger

10.05.2023

Trotz Abflauen des Pandemiegeschehens wurde die deutsche Wirtschaft nach wie vor mit großen Herausforderungen konfrontiert. Denn trotz gelockerter Covid 19-Auflagen blieb der Krankenstand in den Unternehmen vergleichsweise hoch, was den Personalmangel zusätzlich verschärfte. Gleichzeitig forderte die Energie- und Energiepreis-Krise die gesamte Nation heraus.

Die Industriestrompreise stiegen ebenso wie die Preise für Gas in Spitzenzeiten auf das Vielfache des bisherigen Preisniveaus. Zudem war zeitweise unklar, ob die Energieversorgung überhaupt gesichert werden konnte. Dass dies nicht spurlos auch am deutschen Markt der keramischen Fliesen vorbei gegangen ist, zeigt der Rückblick des Bundesverband Keramische Fliesen e. V. (BKF), der aktuell neun führende deutsche Unternehmen der deutschen Fliesen- und Spaltplattenindustrie vertritt, auf das Jahr 2022.

Danach sei nach ersten Berechnungen 2022 der Verbrauch von keramischen Wand- und Bodenfliesen in der Baubranche gegenüber dem Vorjahr um 1,8 Prozent zurückgegangen, was einem Fliesenabsatz von 132,9 Mio. m² entspricht.

Nicht nur in Deutschland, auch europaweit sei die Produktion entsprechend rückläufig. In Deutschland betrug das Minus in der Menge über sämtliche Hersteller 11,2 Prozent. Die Produktion der BKF-Mitgliedsunternehmen sank um 8,2 Prozent. Die Importe stagnierten bei ‑0,5 Prozent, die Exporte verzeichneten Rückgänge von insgesamt 10,8 Prozent.

Dabei hatte es eigentlich gut angefangen, denn die Importe konnten im ersten Halbjahr 2022 um 10 Prozent gesteigert werden, was sich allerdings in erster Linie als Vorzieheffekte bei der Lagerbewirtschaftung der Händler herausstellte. Der Dämpfer kam im dritten und vierten Quartal. Nach Berechnungen des Verbandes bleibt Italien trotzdem größter Importeur, musste jedoch über das gesamte Jahr Absatzeinbußen von 2,8 Prozent hinnehmen. Dennoch blieben die Italiener mit 52 Prozent größter „Fliesen-Versorger“ in Deutschland, gefolgt von türkischen Herstellern, die es auf einen Marktanteil von 16 Prozent schafften. Zu den Gewinnern auf dem deutschen Markt gehörten auch spanische Fliesenhersteller, die 5,1 Prozent mehr Fliesen in Deutschland verkaufen konnten und damit auf deinen Marktanteil von 10 Prozent kommen.

Trotz aller Widrigkeiten, die auch in der weiteren ungewissen Entwicklung der Energiepreise und dem Aufwärtstrend der Zinspolitik zu sehen sind, bleibt die Branche zumindest verhalten optimistisch. „Wir sehen für die keramische Fliese in Deutschland eine gute Zukunft,“ sagt BKF-Geschäftsführer Jens Fellhauer. Denn der Fliesenabsatz sei bereits in den vergangenen Jahren überwiegend dem Renovierungs- und Sanierungsmarkt zu verdanken. Insofern treffe der Einbruch des Neubausektors die Fliesenhersteller nicht mit voller Wucht. Im Gegenteil könne die keramische Fliese ein relevanter „Systempartner“ im Bereich energetische Sanierung werden.

So könnte die geplante gesetzliche Verpflichtung, auf regenerative Heizsysteme umzusteigen, der Fliese sogar gute Absatzchancen bescheren, denn sie ist aufgrund ihres geringen Wärmewiderstands der ideale Belag für Fußbodenheizungen. Zudem bedient die Fliese das steigende Bedürfnis der Baubranche nach nachhaltigen Bauweisen wie kaum ein anderer Oberflächenbelag. Die erst kürzlich von den Mitgliedern des BKF erneuerte Umweltproduktdeklaration (EPD) des Instituts für Bauen und Umwelt (IBU) zeigt die guten Umwelt- und Produkteigenschaften ihrer Produkte.

Die (fast komplette) deutsche Fliesenprominenz demonstriert Einigkeit: Peter Wilson, Steuler Fliesengruppe AG, Dr. Jörg Schwall, Geschäftsführer V & B Fliesen GmbH, Dieter Schäfer, Geschäftsführer Agrob Buchtal GmbH, Patrick Schneider, Geschäftsführer Ströher GmbH
Jens Fellhauer, Geschäftsführer Bundesverband Keramische Fliese (von links) Foto: BKF

Die deutsche Fliese zeigt Flagge

Das hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Fast alle deutschen Hersteller keramische Wand- und Bodenfliesen bewiesen auf der (vermutlich weltweit) größten Baufachmesse in München, der BAU 2023 Mitte April, kompetente Sichtbarkeit. Nachdem diese Branche (mit wenigen Ausnahmen), deren Produkte für nahezu alle Baubereiche relevant sein können, lange Zeit das Stelldichein aller am Bau engagierter Fachleute ignoriert hatte, war sie jetzt in der Messehalle „A4“ kaum zu übersehen, auch wenn die Messeplanung die Branchen-Präsentation etwas kompakter hätte gestalten können. Für Marktbeobachter haben die einschlägigen Hersteller bisher lieber den sprichwörtlichen „Scheffel“ als Marketing-Maßnahme genutzt, um ihr „Licht“ nicht allzu grell auf die Bedeutung ihrer Produkte auf den Belags-Wettbewerb strahlen zu lassen, der diesbezüglich schon lange sehr viel cleverer agiert hatte. Da war lange Zeit der Begriff „Venyl“ quasi Angstgegner der Keramik-Branche. Die indes hatten ihn aber höchst geschickt und werbewirksam in der Abkürzung „LVT“ versteckt: „Luxury Vinyl Tiles“.

Jetzt also der längst überfällige Sinneswandel hin zu gemeinsamen Marketing-Anstrengungen, den Peter Wilson, Vorsitzender des Bundesverbands Keramische Fliesen e. V. und Vorsitzender der Steuler Fliesengruppe so zu erklären versucht: „Als heimische Fliesenindustrie haben wir uns auf der BAU ganz bewusst im engen Schulterschluss präsentiert und fühlen uns bestärkt, unsere positive Sicht auf die Fliese zukünftig noch prononcierter in Richtung Architekten, Planern und Endkunden zu kommunizieren“. Na endlich, könnte man als Chronist noch ergänzen und auf die Erkenntnis hoffen , dass der Gegner des Markterfolges nicht mehr wie zumeist bisher in den eigenen Reihen gesucht wird, sondern jenseits des eigenen Tellerrandes.


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