Keramische Fliesen zwischen Bau-Turbo und Energiekosten
Künstliche Intelligenz (KI) gilt als „zukunftsweisende Technologie“. Auf den Ursprung reduziert, gilt sie als die „Fähigkeit einer Maschine, menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität zu imitieren“. Ohne Zweifel keine schlechte Idee. Doch KI gilt inzwischen auch als Wundermittel des täglichen Lebens und hat sich längst aus technologischen Zwängen befreit. So ist in einer Verlautbarung des Europäischen Parlaments aus dem Jahr 2023 nachzulesen, dass künstliche Intelligenz auch dazu genutzt würde, um „Kunden personalisierte Empfehlungen zu geben, die sich beispielsweise auf frühere Produktsuchen und Käufe oder auf ihr sonstiges Online-Verhalten stützen“. Deshalb sei sie für den Handel von großer Bedeutung, vor allem bei der Optimierung von Produkten, der Planung von Beständen und in der Logistik.
Trainiert wird KI bekanntermaßen von unzähligen zugänglichen Quellen des weltweiten Internets. Fragt man im speziellen Fall unter dem Stichwort „Keramik Fliesen Nachteile“ zum Beispiel via Google nach, erfährt man einiges über deren „Sprödigkeit und Anfälligkeit für Bruch, die Rutschgefahr bei Nässe, der potenzielle Pflegeaufwand, die relativ hohen Installationskosten und die manchmal eingeschränkte Flexibilität bei der Gestaltung. Außerdem können sie bei unsachgemäßer Verlegung oder Nutzung anfällig für Absplitterungen sein“. Wer immer KI in dieser Frage „trainiert“ hat, es dürfte in der Branche kaum Begeisterung auslösen und widerspricht zudem dem langjährigen Stand der Technik. So gesehen wäre es sicher hilfreich, wenn sich die „KI“ auf seine technologischen Präferenzen konzentrieren würde.
Vor allen für die deutschen Hersteller keramischer Fliesen sind solche wenig intelligenten Informationen kontraproduktiv, zumal sie sich auch ohne dem nicht erst jetzt schwer tun, ihre Position auf dem heimischen Baumarkt zu behaupten und auszubauen, was keineswegs an der angeblich von irgendwelchen „KI-Trainern“ ausgemachten „Begrenzten Flexibilität“ oder gar eine „Anfälligkeit für Absplitterungen“ liegt, sondern an den Rahmenbedingungen der deutschen Bauwirtschaft.
So beklagt nicht nur der Bundesverbands Keramische Fliesen e. V. (BKF) die enorme Bremswirkung der Energiepreiskrise, des Ukraine-Konfliktes und nun die protektionistische Handelspolitik der USA mit den wirtschaftspolitische Unsicherheiten, die die Wirtschaft sowie den gesamten Bausektor und damit auch den Absatz keramischer Fliesen belasten. So drängt BKF-Vorsitzende Patrick Schneider nicht erst jetzt auf Kostensenkungen für den gesamte Sektor der energieintensiven Industrien, um auch zukünftig wettbewerbsfähig bleiben zu können.
Wie groß der Leidensdruck der deutschen Szene der Fliesenhersteller ist, hat nicht zuletzt die Entwicklung der letzten Jahre deutlich gemacht. So sind zwar bekannte Markennamen nicht verschwunden, aber gehören nicht mehr in die Riege deutscher Hersteller. So werden Fliesen der Marke Villeroy & Boch nur noch in der Türkei produziert, während Steuler jetzt ein italienisches Unternehmen ist (Panariagroup).
Damit schrumpfte die Zahl der BKF-Verbandmitglieder auf sechs zusammen, was aber keinesfalls ein Indiz für den Schrumpfungsprozess der Fliesenverbrauchs auf deutschen Baustellen ist. Denn der wird nach wie vor vom Import dominiert, mit 50 Prozent allen voran aus Italien, wozu jetzt wie erwähnt ja auch ehemals deutsche Hersteller gehören. Laut Berechnung des BKF waren das 2024 immerhin noch knapp 45 Millionen Quadratmeter. Wobei diese Zahl Insider wehmütig stimmen dürfte, denn der Gesamtverbrauch auf deutschen Baustellen hat im vergangenen Jahr 89,4 Millionen Quadratmeter betragen, immerhin gut 32 Prozent weniger als 2022 mit 132,9 Millionen Quadratmetern und noch einmal 4,6 Prozent weniger als 2023.
Licht am Ende des Tunnels sieht der BKF für das laufende Jahr, das mit einer leichten Erholung des Marktes begonnen habe. Dennoch rechnet Schneider für den Fliesenmarkt in Deutschland am Jahresende nur mit einer „Seitwärtsbewegung“. Denn die entstandenen Überkapazitäten im deutschen Fliesenmarkt führten zu einem erheblichen Preisdruck, den es in dieser Intensität in den letzten Jahren nicht gegeben habe. Und dann ruhen alle Hoffnungen natürlich auf der neuen Bundesregierung mit Verena Hubertz an der Spitze des BMWSB. Sie sagt „Ich will, dass wir mehr bauen und ich will, dass wir preiswerter bauen“, allerdings sagt sie im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin nicht, wieviel Wohnungen gebaut sollen und auch nicht, was sich konkret hinter dem „Bau-Turbo“ verbirgt.
Ob man dies in ihrem Koalitionsprogramm nachlesen kann, dürfte schwierig sein, nachdem es die amtierende Regierung in manchen Bereichen bereits mehrfach ausgehebelt hat. Das betrifft nicht zuletzt die Finanzierung der angedachten Maßnahmen zur Ankurbelung der Bautätigkeit. Wichtig für BKF-Chef Schneider sei dennoch, dass die Politik schnell wirkende Impulse setzt, die die Renovierungstätigkeit nicht weiter ausbremsen und helfen, bereits genehmigte Bauvorhaben zügig umzusetzen. Nur dann könne auch der Fliesenabsatz davon profitieren. Dazu gehöre auch versprochene zeitnahe Absenkung der Stromkosten um 5 Ct/KWH realisiert werden, die der Wirtschaft wie auch der Fliesenindustrie zugutekommen würde.
Auch eine Überarbeitung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) wird seitens der deutschen Fliesenindustrie gefordert. Denn ein weniger starres Korsett in diesem Bereich könne helfen, den Fliesenabsatz anzukurbeln, so Schneider: „Statt des Zwangs, eine Wärmepumpe selbst dort, wo sie wirtschaftlich keinen Sinn macht einzubauen, sollten effektive Heizsysteme wie die Fußbodenheizung attraktiv gemacht werden“. Dies könne durch gezielte Förderung gelingen aber auch durch günstigen Strom. Der Bauherr müsse selbst entscheiden können, wo er sein Geld investieren will.
Doch Schneider ist realistisch genug, um zu wissen, dass neben einer allgemeinen Belebung des Bausektors die Positionierung des eigenen Produkts gegenüber der Anwendungskonkurrenz in einem gesättigten Markt unerlässlich bleibt. Dafür setze sich der BKF bzw. die Qualitätsinitiative Deutsche Fliese seit vielen Jahren ein. So wurde beispielsweise die besondere Eignung der Fliese als Partner von Wärmepumpe und Fußbodenheizung im vergangenen Jahr intensiv und mit hoher Reichweite kommuniziert. Auch der Hinweis ist ihm wichtig, dass Fliesen aus Deutschland durch effiziente Produktionstechnik und die kurzen Transportwege sowohl der Rohstoffe als auch der gebrannten Produkte einen nachweisbaren Umwelt- und Klimavorteil bieten. Studien der UNI Stuttgart ebenso wie das Institut Bauen und Umwelt mit der EPD-Verifizierung belegen, dass Fliesen aus deutschen Werken besonders gut bei Umwelt und Nachhaltigkeit abschneiden. Auch die Themenbereiche Nachhaltigkeit und Klimaschutz eignen sich besonders, um die Fliese gegenüber der Konkurrenz an Wand und Boden zu profilieren.